10 Worte – eine Geschichte (oder auch Langeweile bzw. Schreibübung)

Worte: [Stundenplan; Knochen; Lächeln; Kneipe; Drogen; Einfamilienhäuser; Sonne; optische Täuschung; Beleidigungen; normal? ]

Despair

Meine müden Augen starren in den Bierkrug auf dem Tisch vor mir.
So müde bin ich vom Trinken, aber andererseits werde ich auch nicht damit aufhören, wenn ich nicht irgendwann mit dem Kopf auf dem Tisch einschlafe. Das ist mir zwar schon mehrmals passiert, aber es hat mich auch nicht groß gekümmert.
In dieser Kneipe hier kennt man mich.
Und man weiß, dass ich Stammgast bin, deswegen würde man mich nicht so schnell rausschmeißen. Die meisten anderen Gäste hier kennen mich auch.
Manche sind auch Stammgast. Manche sehe ich jeden Abend. Andere kommen auch nur manchmal her. Einige spielen dann Skat mit Freunden oder sie kommen mit ihren Frauen und quatschen unentwegt. Einige dieser Leute grüßen mich freundlich.
Sie kennen mich, weil sie in den Einfamilienhäusern in meiner Straße wohnen.
Vor einiger Zeit wurde dort noch mal richtig viel gebaut. Ich habe den Baulärm abends gehört. Aber er hat mich nicht weiter gestört. Es war nicht so wichtig ob ich pünktlich schlafen ging oder nicht. Ich hatte am nächsten Tag ja doch keine Verpflichtungen zu erfüllen, hatte keine bestimmte Zeit einzuhalten, zu der ich aufstehen musste.
Meine Knochen schmerzen immer mehr in letzter Zeit. Das kommt davon, wenn man eben alt ist und früher einmal hart gearbeitet hat. Manchmal wünschte ich mir jetzt wieder genauso hart zu arbeiten. Aber ich weiß ja selber, dass ich dazu körperlich nicht fähig wäre.
Außerdem habe ich genug Rente um davon leben zu können.
Mit einem letzten Schluck leere ich meinen Bierkrug. Ich bin wohl mal wieder ziemlich betrunken. Öfters muss man sich dann irgendwelche Beleidigungen von wildfremden Leuten auf der Straße anhören, was man doch für eine Schande wäre.
Aber mir ist es egal ob mich die Leute als Schande bezeichnen. Ich bin auch nur ein alter Mann, der sein Leben bereits gelebt hat. Der keinen Ansporn mehr hat keine Schande zu sein, der die guten Zeiten längst hinter sich hat.
Irgendwann habe ich mich dann in meine Wohnung geschleppt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jemand in der Wohnung auf mich warten würde. Aber das ist dann nur eine optische Täuschung. Trotzdem muss ich Lächeln bei der Vorstellung, dass abends eine Familie auf mich warten würde. Ich stelle mir ein Leben vor, das ich nie gehabt habe.
Ich stelle mir vor Kinder zu haben, stelle mir vor mit ihnen zu spielen, sie aufwachsen zu sehen, ihre Sorgen zu teilen, zuzusehen, wie sie an ihrem Stundenplan verzweifeln oder an ihrem ersten Liebeskummer.
Aber dann seufze ich leise, weil ich weiß, dass ich dieses Leben nie hatte. Was bringt es dann schon, davon zu träumen? Es ist zu spät für mich. Ich bin allein.
Wenn die Sonne schon lange untergegangen ist, liege ich dann irgendwann in meinem Bett.
Ich warte darauf einzuschlafen, was mir meistens nicht so schnell gelingt, selbst ohne Baulärm. Aber Tabletten nehme ich nicht so gerne. Sie kommen mir vor wie Drogen.
Und da beschweren die Leute sich immer über ein paar Bier. Dafür soll man sich aber mit diesen Medikamenten zudröhnen? Darauf kann ich verzichten.
Und außerdem habe ich ja keinen Zeitdruck. Morgen werde ich wieder warten, dass es übermorgen wird. Und übermorgen werde ich warten, dass es wieder ein Tag später wird.
Ich werde aufstehen, meine Zeit ableben, die Leute beim glücklich sein beobachten.
Ist das normal?

~~2006