Eine ganz große Zuckerstange

„Und was wünschst du dir zu Weihnachten?“ sage ich zum bestimmt tausendsten Mal heute und versuche dabei immer noch freundlich und interessiert zu klingen.
Das kleine Mädchen vor mir strahlt mich an und fragt in einer piepsigen Stimme: „Darf ich deinen Bart mal anfassen?“ „Natürlich!“ nicke ich freundlich. Und schon fängt sie an, an meinem Kunststoffbart zu ziehen und quietscht vergnügt.
Ich schaue sie nur an und hoffe innerlich, dass sie sich beeilt, denn schließlich ist sie endlich die letzte für heute. Als sie dann aufhört an dem angeklebten Bart zu ziehen sagt sie endlich: „Ich wünsche mir einen Puppenwagen mit einer Babypuppe!“ „Ok, Wunsch angenommen!“ lächele ich sie an. „Und hier hast du noch was leckeres!“ sage ich, reiche ihr ein Päckchen mit Süßigkeiten darin und warte, dass sie wieder zurück zu ihrer Mutter geht.
Aber sie bleibt immer noch sitzen und fragt: „Sag mal Weihnachtsmann? Was wünschst du dir eigentlich zu Weihnachten?“
Verwundert blicke ich in ihre großen, gespannt blickenden Augen. „Sag schon, sag schon!“ quengelt sie und zieht wieder an meinem Bart.
Und ich überlege ganz ehrlich, was ich mir denn wünschen könnte? Eigentlich habe ich darüber bis jetzt noch gar nicht nachgedacht. Ich hatte nicht vorgehabt mir irgendetwas zu wünschen, denn ich wüsste nicht vor wem ich diesen Wunsch äußern sollte...
Eine Zeit lang bin ich ganz versunken in meine Gedanken, bis ich plötzlich merke, dass die Kleine mich ja immer noch ganz erwartungsvoll ansieht.
„Also ich wünsche mir einen gaaaanz große Zuckerstange!“ sage ich dann freudig und setze mein einstudiertes Weihnachtsmann-Lächeln auf. „Lecker!“ antwortet sie und quietscht wieder vergnügt. Dann hüpft sie von ihrem Stuhl, sagt: „Tschüs Weihnachtsmann, bis bald!“ und läuft zurück zu ihrer Mutter, die schon auf sie wartet.
Noch eine ganze Weile bleibe ich in meinem Stuhl sitzen und denke über die Frage der Kleinen nach. Doch wirklich zu einem Ergebnis kommen tu ich nicht.
Irgendwann mache ich mich auf in das Hinterzimmer des Kaufhauses in dem ich mich nach meiner Schicht als Weihnachtsmann immer umziehen gehe. Ich packe den Bart, die Mütze und meinen langen Weihnachtsmannmantel in eine Tüte, sage Tschüs zu einem der Angestellten, den ich getroffen habe, und mache mich dann auf den Heimweg. Der Arbeitstag hat sich wieder so lange hingezogen, dass ich schon nach einer halben Stunde die Nase voll davon hatte. Aber ich sollte eigentlich froh sein, dass mein Kumpel Hans mir diesen kleinen Job besorgen konnte. Immerhin besser als nichts und nicht viele Leute würden mich überhaupt anstellen. Nicht viele Leute haben einen Job anzubieten, wenn man wegen einem Raubüberfall im Gefängnis saß.
Und nun, wo ich das Kaufhaus verlassen habe, mache ich mich auf den Heimweg. Die kalte Winterluft umschließt mich und trotzdem beschließe ich, wie jeden Tag, noch einen kleinen Umweg zu machen. Ich biege in eine Straße ein in der nur Einfamilienhäuser stehen. Alle haben sie ihre Weihnachtsdekorationen an den Fenstern hängen und bunte Lichterketten schmücken die Bäume.
Langsam bewege ich mich auf Nummer 27 zu. Mittlerweile bin ich schon geübt darin, unbemerkt durch das Wohnzimmerfenster hinein zu blicken. Und wieder tue ich dies.
Aber wie jedes Mal kann ich meine Gefühle diesbezüglich kaum noch ordnen, so stark sind sie; Da drinnen im warmen Wohnzimmer sitzen sie: Meine Exfrau Melissa und meine kleine Tochter Jana. Sie sitzt auf dem Teppich und spielt mit den Figuren aus der Krippe.
Aus der Krippe, die ich vor über 4 Jahren für Melissa und mich geschnitzt habe. Damals, als sie noch mit Jana schwanger war. Damals, als alles noch nicht so zerbrochen war. Als ich noch nicht meinen Job verloren hatte, als ich noch nicht auf die dumme Idee gekommen war, deswegen auf anderen Wegen Geld zu beschaffen. Als Melissa noch nicht die Scheidung eingereicht hatte und als sie noch nicht vor Gericht durchgesetzt hatte, dass ein Verbrecher wie ich, kein Recht habe, seine Tochter zu sehen.
Damals als noch alles gut in meinem Leben lief...
Ich seufze tief und wende endlich meinen Blick ab. Gehe die Straße hinunter und schlage den Weg in eine weniger gute Gegend ein, wo kaum noch Leute Lichterketten an ihre Bäume hängen und wo es keine Einfamilienhäuser, sondern nur Plattenbauten gibt. Zurück in meine kleine Wohnung und zurück in meine Einsamkeit.
Am nächsten Tag sitze ich wieder im Kaufhaus auf meinem Weihnachtsmannstuhl, verkleidet mit meinem Bart und meinen Mantel und mit einem großen Sack voller Süßigkeiten vor mir.
Langsam nerven mich die ganze Weihnachtsdekoration und all die fröhlichen Kinder mir ihren fröhlichen Familien wirklich. Und dabei ist doch heute schon Weihnachten. Heute Abend ist wirklich Heilig Abend... Aber was macht es für mich schon aus, wenn ich auch heute über Tag noch arbeiten muss? Ist ja nicht so, dass ich noch irgendetwas vor hätte heute.
Die Kinder, die zu mir kommen wünschen sich alle möglichen Sachen und immer wieder verspreche ich ihnen, dass sie dies auch bekommen werden und drücke ihnen noch etwas Süßes in die Hand und warte, dass der Tag endlich vorbei geht.
Dass am besten gleich wirklich schon morgen ist, damit ich nicht zu Hause sitzen muss mit dem Wissen, dass alle anderen Menschen gerade nicht allein irgendwo sitzen.
Und so mache ich meinen Job, immer schön freundlich natürlich, bis ich endlich irgendwann sehe, dass es Zeit ist Feierabend zu machen. Langsam gehe ich nach hinten um mich umzuziehen, packe meine Verkleidung wieder in die Tüte und verlasse wieder langsam das Kaufhaus. Eigentlich wollte ich heute nicht bei Nummer 27 vorbeischauen, aber irgendwie tragen mich meine Füße schon automatisch dorthin.
Ich stehe vor dem Fenster und schaue hinein. Jana trägt ein besonders schickes Kleid und scheint voller Vorfreude zu sein, dass heute endlich Weihnachten ist. Wahrscheinlich werden die beiden später zu Melissas Mutter fahren und dort feiern oder sowas. Jedenfalls war es das, was Melissa früher Weihnachten immer wollte.
Jana springt nun auf dem Sofa auf und ab. Zu gerne würde ich wissen, was Melissa ihr über mich erzählt hat. Ob sie überhaupt weiß, dass sie einen Vater hat? Sie war noch zu klein damals um sich jetzt zu erinnern. Aber jetzt mit fast 4 Jahren, müsste sie doch sicher mal nach mir gefragt haben!? Wie gerne ich sie jetzt einmal in den Arm nehmen würde...
Aber ich weiß, dass ich schon zu lange hier stehe und senke meinen Blick und drehe mich zum Gehen. Doch da erfassen meine Augen die Tüte in meiner Hand und mir kommt eine abwegige Idee. Mit einem leichten grinsen gehe ich fort und um die nächste Ecke.
Was ich vor habe ist zwar sehr gewagt, aber ich muss es einfach versuchen.
Wenige Minuten später stehe ich wieder vor dem Haus Nummer 27. Ich atme einmal tief ein und dann drücke ich vorsichtig den Klingelknopf.
Mein Herz sinkt mir in die Hose als die Tür geöffnet wird und ich Melissa direkt ins Gesicht sehen kann. Aber ihre Mine verfinstert sich nicht, so wie sie es die letzten Male getan hat, als wir uns vor Gericht oder bei Amtsterminen gesehen haben. Und da kommt auch schon meine Kleine Jana angelaufen und schaut mich begeistert an.
Fast vergesse ich zu sprechen so überwältigt bin ich von all dem. Aber dann fange ich mich endlich wieder und sage mit meiner erprobten Weihnachtsmannstimme: „Hohoho, fröhliche Weihnachten! Ich bin auf dem Weg den Leuten schonmal vorab ein frohes Fest zu wünschen und den Kindern kleine Geschenke vorab zu bringen!“ Und Jana strahlt mich an, genauso wie die Kinder im Kaufhaus es immer getan haben.
Dann halte ich ihr eine gaaanz große Zuckerstange hin und sie nimmt sie an und sagt: „Danke lieber Weihnachtsmann!“ Fröhlich beugt sie sich vor und ich beuge mich runter und nehme die Umarmung an, die sie mir zum Dank geben will.
So glücklich war ich schon Jahre lang nicht mehr, aber ich passe gut auf, dass mir mein Bart nicht verrutscht.
Irgendwann löse ich dann die Umarmung und richte mich wieder auf. „Vielen Dank!“ sagt Melissa freundlich und ich nicke nur. „Gute Reise noch, Weihnachtsmann!“ ruft Jana.
Dann schließt Melissa langsam die Tür, ich erhasche noch einen letzten Blick auf Jana, die sich die Zuckerstange in den Mund schiebt und dann ist die Tür vollkommen geschlossen.
Später, als ich wieder zu Hause sitze und mein Kostüm wieder abgelegt hab, weiß ich, dass die Zuckerstange wirklich meinen größten Weihnachtswunsch erfüllt hat.

~~ Dezember 2005