Ein neuer Tag beginnt



...I lived to die
And I die to live....


Ich sehe aus dem Fenster und blicke in eine sternklare Nacht. Ich sehe die Sterne so hell wie sonst fast nie am Himmel leuchten und ein leichtes Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Es kommt wohl so rüber, als würde mich der schöne Himmel erfreuen, aber in Wirklichkeit spricht aus meinem Lächeln die pure Ironie.
Wie sollte ich denn auch lächeln, nach dem, was ich heute alles erlebt habe?
Meine Hände zittern und mein Herz pocht mir bis zum Hals. In den Händen halte ich eine Pistole. Durch das Zittern meiner Hände klappert sie gefährlich, als würde sie noch etwas zu sagen haben.
Jahrelang hatte ich sie gesehen, wie sie im Kaminzimmer in der Vitrine hing, aber ich hatte mir nie Gedanken über sie gemacht. Hätte nie gedacht, dass ich sie eines Tages in der Hand halten würde und aus dem Fenster sehen würde, wo der Mond so schön am Himmel steht.
Und langsam merke ich, wie eine einzelne Träne über mein Gesicht läuft. Ich kann meine Gefühle noch nicht ordnen und weiß nicht, ob es eine Träne der Trauer oder der Verzweiflung ist. Wie in einem Film tauchen Bilder vor meinem geistigen Auge auf und ich erinnere mich an Ereignisse aus meiner Vergangenheit.
„Du siehst so wunderschön aus, Jana!“ sagte meine Mutter und betrachtete stolz mein Hochzeitskleid. „Danke!“ sagte ich. Aber das war ein ganz anderes Ich, als ich es heute bin. Eine glückliche und vor Freude strahlende Jana, die ich nie wieder sein werde.
„Wollen Sie, Jana Hansen, den hier anwesenden Philipp Gassner zu ihrem Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, für jetzt und in alle Ewigkeit?“ „Ja, ich will!“ strahlte ich. Ich betrachte meinen linken Ringfinger mit meinem Ehering und Hass steigt in mir auf. „Du hast mit diesem verdammten Kellner geflirtet, du kleine Schlampe!“ „Nein, das stimmt einfach nicht!“ „Lüg mich nicht an, du kleine Schlampe, ich weiß es ganz genau!“
Meine Hand wandert zu meiner Wange. Diese Szene ist mir noch so gut im Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen. Es war auf unserer Hochzeitsreise gewesen.
Philipp war total ausgerastet und ich weiß bis heute nicht warum. Aber ich will nicht mehr weiter nachdenken. Ich will meinen Kopf einfach nur leeren. Mit meinen Armen trommele ich gegen meine Schläfen, bis ich einen leisen Schmerz verspüre. Gegen Schmerzen habe ich nichts und sie machen mir nichts aus. Ich bin ja nur zu sehr an sie gewöhnt. Aber dieses eine Mal vor 5 Jahren auf meiner Hochzeitsreise, da war ich es noch nicht gewesen und es hatte meine Illusion von einem perfekten Leben mit Märchenhochzeit und Traumpaaren zerstört! Mein Weg seit dem ist steinig gewesen, aber ich bin immer wieder aufgestanden und habe mich durchgebissen.
Philipps Launen hatte ich ertragen, denn von ihm loskommen konnte ich nicht.
Ich hatte nicht die finanziellen Möglichkeiten dazu. Doch mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Philipp wünschte sich Kinder. Ich höre ihn heute noch sagen: „Ohne einen Sohn, ist ein Mann nichts wert! Man muss mindestens einen Sohn zeugen, sonst kann die Familie ja nicht weiter überleben!“ Dann lachte er immer und schwärmte, wie toll es wäre Kinder zu haben. Nur mir drehte sich dabei der Magen um. Er war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte und ich wollte auch keine Kinder von ihm. Natürlich konnte ich ihm das nicht sagen und ich konnte ihm auch keine Kinder verweigern. Und so ließ ich es zu, dass ich schwanger wurde! „Ich werde Oma!“ höre ich meine Mutter heute noch begeistert quietschen. Ich wahr nicht begeistert, dass weiß ich noch, aber ein Teil von mir freute sich doch auf das Kind. Und seit ich schwanger war, behandelte Philipp mich viel besser. Das machte mich nicht richtig glücklich, denn meine Liebe zu ihm war lange Vergangenheit und bestand nur noch zum Schein, aber angenehmer war es trotzdem. Aber wenn ich an diese Zeit zurück denke, dann höre ich nur die wirren Stimmen der Ärzte im Krankenhaus und die meiner Mutter. Und ich sehe Philipp vor mir, der mich mit einem Blick zwischen Enttäuschung und Hass ansieht und sagt: „Wie konnte das nur passieren? Was habe ich getan, dass ausgerechnet meine Frau unser Kind verlieren muss? Du bist auch zu nichts zu gebrauchen!“
Ich lag da, im Krankenhaus und trauerte um mein Kind. Meine Mutter versuchte mich zu trösten, aber ich war so verzweifelt wie noch nie. Ich hatte eine Fehlgeburt gehabt. Einfach so! Und das ausgerechnet dann, als ich mich auf mein Kind gefreut hatte. Als ich angefangen hatte es zu lieben.
Wieder breitet sich dieses ironische Lächeln auf meinen Lippen aus. Und langsam Frage ich mich, ob dieses komische Lächeln vielleicht dann entsteht, wenn man schon so viel geweint hat, dass keine Tränenflüssigkeit mehr übrig ist?
Während ich noch darüber nachdenke, spielt sich der Film langsam weiter ab. „Es tut uns sehr Leid, Mrs. Gassner, aber wir konnten ihrer Mutter leider nicht mehr helfen! Der Herzinfarkt war zu stark. Aber eins kann ich ihnen versichern: Sie musste nicht lange leiden! Mein herzliches Beileid, Mrs!“ sagte der Chefarzt und sah mich Mitleidvoll an. Ich verstand nicht sofort, was er da gesagt hatte. Man hatte mich angerufen, dass meine Ma im Krankenhaus sei und ich war gekommen, ich hatte mir auch Sorgen gemacht. Aber das? Meine Ma war noch nicht alt und ich wollte es nicht glauben. Zuerst tat ich gar nichts, dann sackte ich in mich zusammen und war bewusstlos.
Als ich wieder aufwachte lag ich in einem Krankenhausbett, aber ich wollte dort nicht bleiben. Ich riss mir die Infusionsschläuche von der Hand ab und verließ einfach das Krankenhaus. Ich stieg in mein Auto, hatte immer noch nicht realisiert was passiert war, und fuhr los. Ich machte die Musik ganz laut und versuchte mich darauf zu konzentrieren. Meine Ma war tot. Sie musste nicht lange leiden! Hallten mir die Worte des Arztes in den Ohren. Aber woher wollte der das bitte wissen? Woher wollte er wissen, ob meine Ma leiden musste? Und ich war nicht bei ihr gewesen... Ich war zu Hause gewesen, war zu spät zum Krankenhaus gekommen um bei ihr zu sein... Ich kam zu Hause an, parkte den Wagen und ging ins Haus. Ich begrüßte Philipp nicht, sondern ging hoch, schloss mich im Badezimmer ein und fing an zu schreien. Ich glaube ich wollte einfach allen Schmerz aus mir raus schreien.
Ich hatte keine Freunde, ich hatte einen Ehemann, der mich schlug und nun hatte ich auch keine Mutter mehr. Ich hatte eigentlich niemanden!
Philipp kam zur Tür und fragte was los sei, warum ich wie eine Irre schrie. Aber ich sagte nichts, ich saß da, auf dem Badezimmerteppich und weinte. Endlich konnte ich weinen und wollte auch nicht mehr damit aufhören. Ein paar Tage später war die Beerdigung und danach war die Sache für alle Leute wieder erledigt. Für mich aber nicht, denn ich hatte niemanden mehr auf dieser Welt, mit dem ich reden konnte. Wirklich niemanden!!
„Du kleine Schlampe, jetzt hab dich nicht so und komm endlich her! Wozu habe ich dich sonst geheiratet, wenn du nicht endlich schwanger wirst? Wir haben nicht mehr ewig Zeit!“ brüllte Philipp mich aus dem Bett heraus an. „Phil, meine Mutter ist vor nicht mal einer Woche gestorben...ich möchte jetzt nicht und ich kann auch nich!“
Er ekelte mich an und ich verließ das Schlafzimmer. Ich merkte zuerst nicht, dass er mir folgte und setzte mich an den Kamin. Hier saß ich oft und sah einfach nur ins Feuer. Das beruhigte mich so schön. „Komm jetzt her. Und zwar sofort!“ schrie Philipp mich an und packte mich am Arm. Er schleuderte mich so feste gegen die Wand mit seinen Vitrinen, dass das Glas zersprang. Eine große Platzwunde befand sich an meinem Hinterkopf. Ich fahre mir mit der Hand in die Haare und spüre immer noch klebriges Blut zwischen meinen Fingern.
Aber Schmerzen fühle ich nicht. „Das geschieht dir recht, du Miststück! Du weißt ja nicht wie gut du es bei mir hast!“ raunte der Mann, den ich früher zärtlich „Phil“ genannt und in den ich mich vor Ewigkeiten so verliebt hatte. Ich hielt mir nur den Kopf und sah ihn fassungslos an. „Hast du jetzt deine Lektion gelernt und kommst her? Oder muss ich dich Zwingen?“ In seinen Augen lag pure Besessenheit. Ich konnte nichts sagen oder tun, sondern sah ihn einfach nur an. „Stell dich einfach nicht immer so an. Deine Mutter ist tot nun ist es Grund für dich erst Recht Mutter zu werden. Vielleicht schaffst du es aus deinen Kindern etwas besseres zu machen, als deine Mutter es aus dir gemacht hat, die Versagerin!“ Ich handelte so schnell, dass ich es selbst nicht registrierte. Neben mir lag die Pistole, die aus der Vitrine gefallen war, die ich zerbrochen hatte. Ich hielt sie Philipp genau vor die Nase. „Das tust du eh nicht!“ lachte er. „Dazu hast du nicht den Mut!“ Mein Finger zuckte, ein Knall ertönte und ich sah in Philipps weit aufgerissene Augen. Dann fiel sein Körper zu Boden und sackte in sich zusammen. Ich ginge einfach weg, in ein anderes Zimmer.
Jetzt stehe ich hier und beobachte die Sterne. Ich habe keine Ahnung, ob es mir leid tut, was ich getan habe. Aber eigentlich kenne ich die Antwort doch, und sie ist nein.
5 Jahre meines Lebens hat er mich gequält und ich habe nur ein mal einen Hebel betätigt, habe mich nur ein einziges Mal gewehrt. Ich starre weiter aus dem Fenster, dann wandert mein Blick etwas tiefer und hin zu der Pistole in meiner Hand. Ich wende den Blick wieder ab und gehe in ein anderes Zimmer des Hauses. Unser Haus ist echt groß, eines der schönsten in der ganzen Stadt.
Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, aber an alle, habe ich eine schlechte Erinnerung. Also verlasse ich das Haus, einen Schlüssel nehme ich nicht mit, denn ich werde nicht zurückkehren. Ich steige auf einen Hügel in der Nähe unseres Hauses. Zum Glück ist die Gegend hier nicht so stark besiedelt. Ich sehe in Richtung Osten und kann die ersten Sonnenstrahlen erkennen.
Ein neuer Tag beginnt! Bald werden die Leute aufstehen und ganz normal ihrem Alltag nachgehen. Mich werden sie alle nicht vermissen, ich bin nur eine 26 jährige Hausfrau, die zu jung und falsch geheiratet hat. Langsam hebe ich die Pistole und setze sie an meine Schläfe an. Ich denke an meine Mutter, den einzigen Menschen, der mir immer eine Freundin war. „Sie musste nicht lange leiden“ sagt die Stimme des Arztes wieder in meinem Kopf. Und ich schließe die Augen. Ich fühle das kalte Metall, dass meine Stirn berührt und höre irgendwo in der Nähe einen Hund bellen.
Keine einzige Träne läuft über mein Gesicht, aber da ist es wieder, dieses ironische und verzerrte Lächeln. Ganz leise flüstere ich in die Nacht: „Gleich bin ich bei dir Mami!“ Meine Hand zittert nur noch ein kleines bisschen. ‚Ich bin keine Mörderin‘ denke ich. ‚Jeder könnte mich verstehen. Er hat mich umgebracht. Hat mich fertig gemacht und mein Leben zerstört und mich zu alle dem hier getrieben. So ist es und nicht andersherum!‘ Mein Finger bewegt sich und drückt den Auslöser. Einen Moment durchdringt mich ein stechender unvorstellbarer Schmerz und ich spüre, wie mein Körper zusammensackt und alles um mich herum dunkel wird. Dann ist da auf einmal gar nichts mehr. Nur diese Leere, die mich glücklich macht. Und in meinem letzten Gedanken, bin ich glücklich, dass ich es so gemacht habe und nicht anders. Endlich bin ich glücklich und muss nicht mehr leiden!

~~ Anfang 2005