Klein, Süß und knuddelig


Schnell eile ich zurück zu meinem Auto. Wie konnte ich das nur vergessen?
Wie konnte ich IHN nur vergessen?
Dabei hatte ich ihn doch extra in mein Auto gelegt, weil ich wusste, dass es so wichtig war, dass er dabei war. Und dann hatte ich ihn einfach vergessen!
Erst im letzten Moment, kurz bevor es zu spät war, war es mir wieder eingefallen.
Und ich hatte alles unterbrochen und plötzlich gesagt sie sollen warten.
Plötzlich gesagt, dass sie noch warten sollen, weil ich etwas holen müsse.
Zum Glück haben sie es verstanden. Zum Glück haben sie mich gehen lassen und warten nun.
Und jetzt stehe ich vor meinem Auto.
Auf dem Beifahrersitz sitzt er. Klein, süß und knuddelig.
Der gestickte Mund ist zu einem Lächeln genäht.
Sein Bauch ist weich und er hat langes Fell.
Die Tatzen sind ein wenig abgenutzt, weil so oft mit ihm gespielt wurde.
Die braunen Knopfaugen sehen mir entgegen. Sehen mich an wie sie es immer tun.
Sehen mich an als wäre nie etwas passiert.
Ich schließe das Auto auf.
Ich hebe ihn hoch und trage ihn mit mir.
Ich drücke ihn fest an mich und klammer mich an ihn.
Meine Hände krallen sich in sein weiches Fell.
Meine Augen schauen noch einmal auf ihn hinunter. Er sieht aus als wäre nichts passiert.
Er hat diesen Ausdruck, den er schon immer hatte.
Ja, er lächelt mich an.
Ich wende meinen Blick wieder von ihm ab.
Eine einzelne Träne tropft auf ihn und trifft seine Tatze.
Langsam gehe ich den selben Schotterweg entlang, den ich gekommen bin.
Dieses Mal beeile ich mich nicht, so wie ich es auf dem Hinweg getan hab.
Am liebsten würde ich gar nicht zurückgehen. Am liebsten würde ich vor allem davon rennen.
Aber ich weiß ja, dass ich ihn noch dahin bringen muss.
Ich trage ihn immer noch ganz nah bei mir.
Nach einer Weile habe ich mein Ziel erreicht.
Ich sehe wieder auf den Plüschteddy in meinen Armen.
Er sieht so freundlich aus, so süß und so zufrieden.
Ich weiß genau, dass du das auch an ihm geschätzt hat.
Ich weiß genau, dass er deswegen dein Lieblingsspielzeug war.
Und schon bin ich wieder bei den anderen angekommen.
Ich sehe sie nicht an, weil ich ihre Blicke nicht mehr ertragen kann.
„Ich habe ihn gefunden!“ murmele ich und halte den Bären kurz hoch.
Dann trete ich vor. Trete an das frisch ausgehobene Grab, in dem der Sarg meines kleinen Sohnes liegt und sehe auf ihn hinab.
„Ich hatte ihn vergessen, aber ich hab mich erinnert!“ , flüstere ich.
„Ich hab ihn geholt, damit du nicht so alleine bist! Er war doch dein Lieblingskuscheltier!“
Und meine Hände lassen den Teddy los.
Langsam fällt er in das Grab und landet auf deinem Sarg.
„Leb wohl!“ flüstere ich, während Tränen mein Gesicht überfluten.
Und dann trete ich wieder zurück.
Und ich stehe einfach nur da und sehe hinab in die kleinen, schwarzen Knopfaugen.
Eine erste Schaufel Erde wird hinunetgeschüttet und fällt auf das Gesicht des Bären.
Jetzt kann ich den lächelnden Mund nicht mehr sehen.
Und ich weiß dass du ihn auch nie wieder sehen kannst.
Und als eine zweite Schaufel Erde wieder auf dem Gesicht des Bären landet, kann ich auch seine Knopfaugen nicht mehr erkennen.
Und ich weiß, dass du sie auch nie wieder sehen kannst.
Nun kann ich nicht mehr hinsehen.
Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen.
Aber ich weiß, dass du froh gewesen wärest, dass Teddy nun für immer bei dir sein wird!

~~ Anfang 2006